Was ist Dao?

Das grosse Dao

Dao (oder Tao; 道) ist ein Schlüsselbegriff der chinesischen Philosophie und das zentrale Konzept des Daoismus. Die Daoisten sprechen hier auch vom Wahren Dao (chin. Zhen Dao 真道), Konstanten Dao (chin. Chang Dao 常道), Perfekten Dao (chin. Zhi Dao 至道) oder vom Grossen Dao (chin. Da Dao 大道).

“Dao” kann wörtlich als “Weg” übersetzt werden. Gemeint ist aber – zumindest im Daoismus – nicht irgendein Weg, sondern vielmehr so etwas wie die kosmische Ordnung, das höchste Gesetz, der Weg der Dinge. In ihm ist festgelegt, was sein kann und was nicht.

Metaphysisch gesprochen steht es somit dem Konzept der Potentialität nahe: es kann sich nur das aktualisieren, was im Dao als Potential bereits angelegt ist. Naturwissenschaftlich gesprochen entspricht Dao in etwa der Idee von den Naturgesetzen.

Das Dao hat keinen eigenen Willen und ordnet dennoch alles. Es sorgt für eine andauernde, übergeordnete Harmonie. Auch wenn bei uns alles aus den Fugen gerät, so bleibt die übergeordnete Harmonie bestehen.
Dao ist ewig und geht allem voraus. Es ist “die Mutter aller Dinge”.

Das Dao ist weder von uns getrennt noch liegt es irgendwo in einem Jenseits. Stattdessen ist es in allen Dingen und Prozessen immanent enthalten. Auch wir Menschen sind Teile des Dao, genauso wie jedes andere Tier, Baum, Stein, Planet, Fahrrad, Auto, Computer, etc…
Dao hat nichts mit dem Konzept eines personalen Gottes zu tun. Dao ist nicht Gott, sondern macht den Glauben an diesen überflüssig.

Es ist nicht möglich, Dao in Worte zu fassen. Sprachlich müssen wir uns daher mit Andeutungen und Umschreibungen begnügen. Dafür können wir es immer und überall spüren und erfahren. Es ist immer da. Auch jetzt.

Wir haben immer die Möglichkeit, uns dem Dao zu fügen, uns mit ihm zu harmonisieren. Dann geht es uns so gut, wie es in der gegebenen Situation maximal möglich ist. Bildlich gesprochen nährt uns dann das Dao.
Wenn wir uns aber entgegen dem Dao verhalten, dann erfahren wir Konflikte jeder Art. Es ist dann so, als ob wir ständig mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder gegen den Strom schwimmen.

 

Das persönliche Dao

Nebst diesem Grossen Dao hat jeder auch noch ein eigenes, persönliches Dao (chin. “Zi Dao” 自道). Das persönliche Dao hat zwei Teile. Zum einen umfasst es all das, was wir als unsere persönliche Ausstattung bezeichnen können. Gemeint ist damit alles, was uns sprichwörtlich in die Wiege gelegt wurde, aber vor allem unser Körper und unsere Begabungen. Es geht hier um diejenigen Aspekte von uns selbst, die gegeben sind und auf die wir keinen Einfluss haben.

Zum anderen gehört aber auch die Vorstellung einer inneren, spirituellen Bestimmung zum persönlichen Dao. Es geht also auch um die Frage, wozu man eigentlich hier ist. Dies ist womöglich die wichtigste Frage, die man sich als Mensch überhaupt stellen kann. Die Einen finden einfach so zu ihrer Berufung. Die Anderen können sich beispielsweise der Meditation oder bestimmten esoterischen Techniken bedienen, um ihre Bestimmung zu finden.

Wollen wir in Harmonie mit dem Grossen Dao sein, so müssen wir zuerst unser persönliches Dao verwirklichen. D.h. wir müssen vorerst lernen, entsprechend unserer Ausstattung und unserer Bestimmung zu leben. Erst dann eröffnet sich uns der Zugang zum Grossen Dao.